(Dr. P. Liard, 16, rue Maunoir,1207 Genève)
Zur Kontrolle des Gleichgewichts benötigt unser Gehirn Informationen, die
von den Sinnesorganen
geliefert werden, insbesondere vom Innenohr (vestibuläre Informationen), den
Augen (visuelle Informationen), den Muskeln und den Gelenken (propriozeptive
Informationen). Alle diese Informationen werden an Gehirnzentren weitergeleitet,
wo sie verarbeitet werden. Die Gehirnzentren wirken ihrerseits auf die
Muskeln von Hals, Rumpf und Beinen ein und steuern so Körperhaltung
und Gleichgewicht. All dies bildet also einen Regelkreis, der sich der
jeweiligen Situation anpasst. Die Gleichgewichtsstörungen oder Schwindelanfälle,
unter denen Sie leiden, zeigen eine Funktionsstörung eines Teils dieses
Regelkreises an. Am häufigsten liegt die Ursache im Innenohr.
Es gibt mehrere Arten von Schwindel, die von einer solchen Innenohr-Funktionsstörung
verursacht werden. Es kann sich um einen sehr kurzdauernden Schwindel handeln, der
bei Lagewechsel von Kopf oder Körper auftritt. Es kann sich aber auch
um einen starken Drehschwindel handeln, der plötzlich einsetzt und
mehrere Tage andauert. Bei der Menière-Krankheit treten die oft
kurzdauernden Schwindelanfälle anfallsweise auf und sind von
Hörstörungen begleitet.
Der Nerv, der das Innenohr mit dem Gehirn verbindet, kann ebenfalls betroffen sein;
in diesem Fall ist die Folge kein Drehschwindel, sondern ein Gefühl von
gestörtem Gleichgewicht, "Trunkenheit" und Hörstörungen.
Neben dem Innenohr und dem Hörnerven können Strukturen im Gehirn betroffen sein.
Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen beginnen in diesem Falle häufig
weniger plötzlich, sind aber von verschiedenen neurologischen Störungen
begleitet.
Um die Gleichgewichtsstörungen oder die Schwindelanfälle zum Verschwinden zu bringen, ist eine
Wiederherstellung des unterbrochenen Regelkreises notwendig. Dies geschieht entweder
durch Heilung (das heisst, alle Teile des Regelkreises funktionieren wie zuvor)
oder durch Adaptation (das heisst, das Gehirn muss sich an die neue Situation
anpassen, die durch den Unterbruch des Regelkreises entstanden ist).
Leider verläuft die Wiederherstellung des unterbrochenen Regelkreises nicht bei allen
Menschen gleich. Der Ursprung und der Schweregrad der Unterbrechung, das Alter,
in dem sie auftritt, und der Allgemeinzustand beeinflussen diese
Wiederherstellung stark. Andere Faktoren sind ebenfalls von Bedeutung: Zum Beispiel ist
ein rasches Wie deraufnehmen von körperlicher Aktivität einer der
wesentlichen Faktoren bei der Rückbildung zahlreicher Schwindelformen,
besonders bei jenen, die durch eine Funktionsstörung des Innenohrs
verursacht sind. Andererseits ist Vorsicht bei Medikamen ten gegen den
Schwindel angezeigt, die manchmal die Rückbildung des Schwindels
verzögern, vor allem, wenn sie bei Krankheitsbeginn in hohen Dosen oder über
eine zu lange Zeitdauer eingenommen werden. Hingegen sind die
zerebroaktiven Medikamente (wie z.B. Hydergin®) besonders bei älteren
Patienten nützlich, bei denen Schwindel und Gleichgewichtsstörungen oft
zahlreiche Ursachen haben.
Seit einigen Jahren werden physiotherapeutische Übungen in manchen Fällen von Schwindel
und Gleichgewichtsstörungen empfohlen. Diese werden im allgemeinen
im Spital ausgeführt, da sie die Anwesenheit des Physiotherapeuten
und manche Geräte erfordern, die zu Hause schwierig aufzutreiben sind.
Das Ziel dieser Broschüre ist, Ihnen Übungen zu zeigen, die Sie allein, zu Hause, ohne
besondere Geräte durchführen und mit denen Sie Ihre Selbsttherapie fördern können.
Führen Sie die Übungen mit steigender Intensität durch. Wenn die Wiederholung
der Übungen den Schwindel verschlimmert oder wenn Sie Übelkeit
verspüren, halten Sie so lange an, bis jegliches Unwohlsein verschwunden
ist, und beginnen Sie dann langsam von neuem.
Stehen Sie nach dem Aufwachen nicht plötzlich auf. Bleiben Sie am Bettrand sitzen, bis der
Schwindel sich völlig gelegt hat. Wenn Sie nachts aufstehen, schalten Sie
das Licht ein, denn wenn Sie Ihre Umgebung sehen, hilft Ihnen dies sehr,
das Gleichgewicht zu halten. Wenn Sie etwas vom Boden aufheben oder Ihre
Schuhe binden wollen, vermeiden Sie es, sich mit gekrümmtem Rücken nach
vorne zu beugen. Gehen Sie in die Knie und halten Sie den Rücken gerade.
Muskelspannung und -verspannungen nehmen bei Schwindel zu. Wärme (elektrische Heizdecke,
Bettflasche, heisse Dusche) entspannt die Muskulatur und lindert den Verspannungsschmerz.
Tragen Sie bei der Durchführung der Übungen Ihre Brille, ausser wenn Ihre Brillengläser eine
progressive Brennweite (Varilux) haben, denn schlechtes Sehen kann Ihren
Schwindel verschlimmern.
Dies ist die häufigste Schwindelform; wir nennen ihn "Cupulo-, bzw. Canalolithiasis". Ursache dieses Schwindels sind pathologische Ablagerungen von kleinen Kristallen im Innenohr. Er tritt plötzlich auf, kurz nach einer Kopfbewegung oder einem Lagewechsel des Körpers, zum Beispiel wenn Sie sich ins Bett legen oder wenn Sie Arme und Kopf heben, um einen höher-gelegenen Gegenstand zu ergreifen. Er ist durch einen ausgeprägten Drehschwindel gekennzeichnet, der im allgemeinen innert 5—10 Sekunden verschwindet. Dieser Schwindel hat die besondere Eigenschaft, dass er schwächer wird, wenn Sie die auslösende Handlung wiederholen. Im Grossteil der Fälle verschwindet er zunehmend im Laufe einiger Wochen. Seit einigen Jahren wird in solchen Fällen eine physiotherapeutische Übung (Semont-Übung) angewendet, die eine rasche Heilung ermöglicht. Sie muss jedoch von einem Arzt durchgeführt werden. Wir schlagen Ihnen eine andere Übung vor, die Sie alleine ausführen können.
Bei Cupulolithiasis ist die folgende Übung von Brandt und Daroff wirksam (siehe Abbildung 1 A-C): Sie sitzen am Bettrand und legen sich
rasch auf die Seite, die den Schwindel hervorruft, zum Beispiel nach rechts, wenn der
Schwindel durch Kopf- oder Körperbewegungen nach rechts ausgelöst wird.
Nach 30 Sekunden, nachdem jegliches Unwohlsein verschwunden ist, setzen
Sie sich auf und lassen sich dann auf die andere Seite fallen. Sie
bleiben wiederum 30 Sekunden auf dieser Seite liegen und wiederholen dann das
Ganze drei- bis viermal. Führen Sie die Übung zwei- bis dreimal täglich
durch, bis die Schwindelanfälle ganz ausbleiben.
Eine andere Technik besteht darin, diejenigen Positionen einzunehmen, die den Schwindel
auslösen; sie stellen gleichzeitig Rehabilitationsstellungen dar (Gewöhnungstherapie).
Zum Beispiel bleiben Sie morgens vor dem Aufstehen auf dem Rücken
liegen und drehen den Kopf abwechselnd von einer Seite zur anderen,
wobei Sie auf jeder Seite 20—30 Sekunden verharren. Bei Cupulolithiasis wird
ein kurzer Drehschwindel bei der ersten Drehung auftreten, die Wiederholung
dieses Bewegungsablaufs wird ihn jedoch in einigen Stunden zum Verschwinden
bringen.
Diese Übungen sollten mehrmals täglich ausgeführt werden, bis die Schwindelanfälle
nicht mehr auftreten.
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1A: Anfangsposition, am Bettrand sitzend |
1B: Sie lassen sich rasch auf jene Seite fallen, die den Schwindel auslöst,in unserem Beispiel nach rechts |
1C: Sie setzen sich auf und lassen sich rasch auf die andere Seite fallen, dann beginnen Sie von Neuem |
Es handelt sich meist um einen starken Drehschwindel oder eine ausgeprägte Gleichgewichtsstörung mit plötzlichem Beginn, manchmal begleitet von einer anhaltenden Hörverminderung, ohne jegliche neurologische Störung. Meist ist die Ursache im Innenohr zu suchen. Der Schwindel, oft zu Beginn sehr ausgeprägt, ist begleitet von Übelkeit und Erbrechen und verhindert jegliche Bewegung von Kopf oder Körper. Er wird sich aber mit Hilfe von Medikamenten gegen Erbrechen und gegen Schwindel allmählich zurückbilden. Dies ist der Zeitpunkt, um mit der Rehabilitation zu beginnen.
Vom ersten Tag an können Sie die Übungen auf den folgenden Seiten durchführen, am Anfang wenn möglich mit der Unterstützung einer Hilfsperson. Führen Sie die Übungen abwechslungsweise, mehrmals täglich, mit allmählicher Steigerung durch. Wählen Sie Ihr eigenes Tempo und hören Sie auf, wenn Sie müde werden oder wenn die Symptome sich verschlimmern.
Bewegen Sie Ihre Augen nach links und rechts, nach oben und unten, wobei Sie den Kopf
mit den Händen blockieren, so dass Sie ihn nicht bewegen können
(siehe Abbildung 2) .
Führen Sie diese Übung zuerst mit offenen, dann mit geschlossenen Augen durch.
Halten Sie den Arm gerade vor sich ausgestreckt, den Zeigefinger nach oben gerichtet,
und bewegen Sie den Arm dann nach rechts, wobei Sie dem Zeigefinger mit den Augen
folgen, ohne den Kopf zu bewegen. Wiederholen Sie die gleiche Übung mit dem
linken Arm (siehe Abbildung 3).
Bewegen Sie den Kopf nach vorne und nach hinten dann drehen Sie ihn nach rechts und links,
danach neigen Sie ihn seitlich zur linken und zur rechten Schulter hin, wobei
Sie nach vorne blicken. Wiederholen Sie anschliessend die gleichen Übungen
mit geschlossenen Augen (siehe Abbildung
4)
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Abbildung 2: Augenbewegungsübungen |
Abbildung 3: Verfolgen des Zeigefingers |
Abbildung 4: Kopfbewegungen |
Nehmen Sie ein Buch zur Hand, wenn möglich eines mit Grossdruck, lehnen sie es gegen eine
Stütze vor Ihnen oder halten Sie es mit ausgestreckten Armen, so dass Sie darin
lesen können. Lesen Sie laut, wobei Sie den Kopf nach beiden Seiten
drehen (siehe Abbildung 5).
Dann lassen Sie den Kopf zu einer Seite gedreht und bewegen die Augen zur anderen Seite, um
weiterlesen zu können. Wiederholen Sie dies auf der anderen Seite (siehe Abbildung 6).
Danach machen Sie das Gegenteil: Sie lassen Ihren Kopf unbewegt und verschieben langsam
das Buch vor sich, indem Sie es mit ausgestreckten Armen hal ten. Bewegen Sie das Buch in
horizontaler und danach in vertikaler Richtung
(siehe Abbildung 7 ).
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Abbildung 5: Lesen mit Kopfbewegungen bei unbewegtem Buch |
Abbildung 6: Lesen mit zur Seite gedrehtem Kopf bei unbewegtem Buch |
Abbildung 7: Lesen bei bewegtem Buch ohne Bewegen des Kopfes Kopfbewegungen |
Wenn Sie einen drehbaren Stuhl zur Verfügung haben, zum Beispiel einen Bürostuhl,
bitten Sie eine Zweitperson, Sie langsam auf dem Stuhl in Halbkreisen von
einer Seite zur anderen zu drehen. Drehen Sie den Kopf in Gegenrichtung zur
Stuhldrehung, so dass Sie einen bestimmten Punkt vor Ihnen mit dem Blick fixieren
können (siehe
Abbildung 8).
Führen Sie die gleiche Übung mit geschlossenen Augen durch, ohne den Kopf zu bewegen, und
bitten Sie die andere Person, den Stuhl plötzlich anzuhalten. Öffnen
Sie sofort die Augen und bemühen Sie sich, irgendeinen Punkt vor Ihnen
zu fixieren.
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Abbildung 8: Übungen auf einem Drehstuhl |
Setzen Sie sich an den Bettrand, legen Sie sich dann nach hinten auf den Rücken
und setzen Sie sich wieder auf (siehe Abbildung
9).
Stellen Sie sich aufrecht zwischen zwei Stühle, beide Rückenlehnen als Stütze
gegen Sie gerichtet für den Fall, dass Sie das Gleichgewicht verlieren.
Halten Sie sich mit offenen Augen an den Rückenlehnen fest, versuchen
Sie, ein Bein hochzuheben, und lassen Sie dann die Lehnen los. Wenn Sie
sich sicher fühlen, steigern Sie den Schwierigkeitsgrad, indem Sie
die Augen schliessen. Wenn Sie das Gefühl haben, das Gleichgewicht
zu verlieren, öffnen Sie sofort die Augen und ergreifen Sie die
Rückenlehnen. Führen Sie diese Übung mit jedem Bein einige Minuten lang
durch (siehe Abbildung 10).
Dann balancieren Sie mit geschlossenen Beinen nach vorne und hinten und zur Seite bis zur
Schwelle des Ungleichgewichts.
Sie sollten so früh wie möglich, möglichst vom ersten Tag an, wieder versuchen zu
gehen. Gehen sie mit normalen Schritten, barfuss, mit offenen Augen, in
einem Korridor, und fixieren Sie dabei einen Punkt vor sich (siehe Abbildung 11).
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Abbildung 9: Hinlegen und Aufsitzen |
Abbildung 10: Gleichgewichtsübungen zwischen zwei Stühlen |
Abbildung 11: Normales Gehen |
Vermeiden Sie mit Möbeln oder Teppichen angefüllte Räume. Wenn es Ihnen gelingt,
einige Meter zu gehen, schliessen Sie die Augen und versuchen Sie, einige
Schritte zu gehen, immer bereit, die Augen sofort zu öffnen, wenn Sie das
Gleichgewicht verlieren.
Wenn Ihnen das Gehen mit normalen Schritten leichter fällt, erschweren Sie es, indem Sie
rückwärts gehen, Schritt für Schritt gehen, beim Gehen die Richtung wechseln
oder nach hinten blicken (siehe Abbildung
12).
Umkreisen Sie einen Hocker oder eine Säule, indem Sie sich gegen sie lehnen. Bitten Sie auch
eine Zweitperson, die Hand gegen Ihre Schulter zu drücken, während
Sie gehen, und Sie gleichmässig zur Seite zu stossen, sowohl auf
die Seite, nach der Sie abweichen, als auch auf die entgegengesetzte (siehe
Abbildung 13).
So bald wie möglich sollten Sie im Freien gehen. Wählen Sie möglichst einen
unregelmässigen Weg, zum Beispiel auf dem Land. Vermeiden Sie zu Beginn geschlossene
Räume oder grosse Kaufhäuser; die vielen vorbeiziehenden Bilder würden
Ihnen das Gehen zusätzlich erschweren.
Falls Sie über eine weiche Matratze verfügen, legen Sie diese auf den Boden und gehen
Sie am Ort, mit offenen und mit geschlossenen Augen (siehe Abbildung 14).
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Abbildung 12: Gehen mit Rückwärtsblicken |
Abbildung 13: Gehen mit seitlicher Stütze |
Abbildung 14: Gehen auf Matratze |
Bitten Sie eine Zweitperson um Hilfe. Versuchen Sie auch, ein kleines Hindernis zu
überschreiten, zum Beispiel ein auf dem Boden liegendes Telefonbuch.
Falls Sie einen Ball haben, legen Sie ihn im Sitzen vor sich hin, beugen Sie sich
aus der sitzenden Haltung mit gestreckten Armen vor, um ihn zu ergreifen, heben Sie ihn
langsam über Ihren Kopf und führen Sie dann grosse Kreise vor sich
aus, ohne den Ball aus den Augen zu verlieren
(siehe Abbildung 15).
Sie können diese Übung auch im Stehen durchführen. Falls Sie die Hilfe einer Zweitperson
in Anspruch nehmen können, werfen Sie einander den Ball zu.
Abbildung 15: Ballübungen |
Die Übungen zur Selbstrehabilitation sind nur ein Element im Rahmen einer ganzheitlichen Behandlung Ihres Schwindels oder Ihrer Gleichgewichtsstörungen. Die vorgeschlagenen Übungen sind einfach, aber die Wiederholung lässt sie ermüdend wirken. Sie erfordern daher intensive Mitarbeit von Ihrer Seite; die frühzeitige Wiederherstellung der Beweglichkeit ist aber gewiss eines der besten Mittel, um Ihre Gesundheit wiederherzustellen.
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